Oberstufenfahrt durch Polen und nach Auschwitz – eine unvergessliche Reise durch die deutsch-polnische Geschichte/ Auschwitz lässt niemanden unberührt (Text: Thilo Schlomann und Andreas Scherbel; Fotos: André Gruber und Andreas Scherbel)
Am Pfingstmontag startete die Jahrgangsstufe 12 des Gymnasiums an der Stadtmauer mit 59 Schülerinnen und Schülern sowie den vier begleitenden Lehrkräften Nicole Perske, Sebastian Fabich, André Gruber und Andreas Scherbel zu einer Studienfahrt nach Polen. Es sollte eine unvergessliche Bildungsreise werden, wie es sie heute an Schulen nicht häufig gibt: 11 Tage, 3000 km mit dem Doppeldeckerbus, faszinierende Städte und Stationen wie Breslau, Krakau, Tschenstochau, Warschau, Danzig und Potsdam, Begegnungen mit polnischen Gymnasiasten, die Auseinandersetzung mit den Höhen und Tiefen der deutsch-polnischen Geschichte bis hin zum Blick in die Abgründe der Menschheitsgeschichte, dem Zivilisationsbruch des industrialisierten Völkermords in Auschwitz-Birkenau. Gleich zum Auftakt sei erwähnt, dass eine solche Studienfahrt nicht ohne die großzügige Unterstützung mehrerer Förderer möglich gewesen wäre, denen wir an dieser Stelle sehr herzlich danken.
Polen war für fast alle Teilnehmer ein bis dahin unbekanntes Land, und nicht jeder rechnete mit so vielen beeindruckenden Erlebnissen. Nachhaltig wirken viele kleine Details, zum Beispiel die unzähligen Zwerge, die in Breslau (auf polnisch Wroclaw) überall verteilt zu finden sind und alle ihre eigene Geschichte erzählen oder der Austausch mit den Schülern und Kollegen des dortigen Liceums Nr. 13, die uns ihr Land und ihre Stadt auf sehr persönliche Weise präsentierten. In Erinnerung bleibt das besondere Flair von Krakau, der alten Hauptstadt Polens, wo sich der größte Marktplatz Europas, der Rynek Glówny, mit seinen imposanten Tuchhallen befindet, und das jüdische Viertel Kazimierz, wo wir bei Klezmermusik und einem koscheren Menü jüdische Kultur erleben durften, bevor wir anschließend einige Drehorte von „Schindlers Liste“ aufsuchten. Ein ungewohntes Erlebnis für viele war der Besuch des Klosters Jasna Góra in Tschenstochau, in dem das Bildnis der „Schwarzen Madonna“ verehrt wird und wo man spüren kann, welche bedeutende Rolle der Katholizismus in Polen spielt. Die Hauptstadt Warschau, die wir bei Ankunft von der Aussichtsterrasse des Kulturpalasts in Blick nahmen, besticht auf der einen Seite durch ihren modernen Großstadtcharakter und erinnert gleichzeitig immer wieder an die Vergangenheit, sei es durch die wunderbar restaurierte Altstadt, die in den Boden eingelassenen Begrenzungen des zerstörten Warschauer Ghettos oder das Polin Museum, das die fünfzehnhundertjährige Geschichte der polnischen Juden facettenreich thematisiert. Immerhin zehn Prozent der polnischen Bevölkerung vor dem Zweiten Weltkrieg war jüdischen Glaubens, drei Millionen Menschen, ein prägender Faktor der polnischen Kultur. Ein ganz anderes Erlebnis war der Besuch der deutschen Botschaft in Warschau, wo die Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, die Juristin Anna-Lena Rückheim, einen hervorragenden Einblick in die deutsch-polnischen Beziehungen bot. Der letzte Stopp in Polen, Danzig, vermittelte den typischen Charakter einer alten Hanse- und Hafenstadt. Auch hier, wo an der Westerplatte der Zweite Weltkrieg in Europa begann, holte uns die Geschichte ein und veranlasste zum Besuch des sehr modern gestalteten und empfehlenswerten Museums zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Zugleich konnten wir mit der Marienkirche eine der größten Backsteinkirchen der Welt und beim Gang durch die Altstadt zahlreiche herrlich restaurierte Bürgerhäuser aus der Hansezeit bewundern. Nach so viel Geschichte, Kultur und Politik hatten alle einen Strandtag wirklich verdient. Deshalb war der zweite Tag in Danzig, ein Fahrradausflug entlang der Ostsee in den Badeort Sopot, etwa 15 km von Danzig entfernt, für viele wahrscheinlich einer der Höhepunkte der Fahrt, ein Tag, an dem man entspannt am Strand liegen, Beachvolleyball spielen und in der kalten erfrischenden Ostsee schwimmen konnte.
Den Abschluss der elftägigen Reise bildete Potsdam. Dort besuchte die Gruppe neben dem großzügigen Barockensemble der Innenstadt auch das Haus der Wannseekonferenz, wo der Völkermord an den Juden Europas beschlossen wurde. Unfassbar für viele Teilnehmende war sich vorzustellen, dass an einem solch idyllischen Ort das schlimmste Menschheitsverbrechen, die planmäßige Ermordung von Millionen Juden beschlossen wurde. Hier schloss sich inhaltlich der Kreis und führt zurück an die zweite Station der Studienfahrt nach Auschwitz und Birkenau, jener Schreckensort, der wie kein anderer für den Völkermord und Vernichtungswahn der Nazis steht. Keiner der Teilnehmenden der Studienfahrt wird die Bilder und Eindrücke der Gräueltaten vergessen, mit denen sie dort konfrontiert wurden und die man, wie ein Schüler bemerkte, niemals wirklich begreifen kann.
Schon das Eingangstor des Stammlagers, auf dem der Schriftzug „Arbeit macht frei“ zu finden ist, hat sich ins Gedächtnis eines jeden Teilnehmers eingebrannt. Thilo fragt sich: „Was haben sich die Leute gedacht, die dort jeden Tag durchgegangen sind? Dachten die Menschen, wenn sie genug arbeiten, werden sie wieder frei?“.
Vor der Studienfahrt hatte sich die Gruppe intensiv vorbereitet, z.B. mit einem Kinobesuch des Films „Schindlers Liste“ oder der Beschäftigung mit der Lebensgeschichte von Heinz Hesdörffer, dem letzten jüdischen Schüler am Stama vor dem Zweiten Weltkrieg, der von den Nazis verfolgt wurde, mehrere Konzentrationslager überlebte, anschließend nach Südafrika und in die USA auswanderte, aber im Alter nach Deutschland zurückkehrte und ein Bildungswerk gründete, mit dessen Mitteln auch unsere Fahrt gefördert wurde.
Doch trotz aller Recherchen, aller filmischen und literarischen Vorarbeit empfanden viele Schüler, könne einen nichts auf das vorbereiten, was man im Stammlager alles erlebt. Das Stammlager habe schon vor dem Betreten eine gewisse „Aura“. Man merke, bevor man überhaupt einen Fuß in das Stammlager setzt, dass dieser Ort ein Ort des Gedenkens sei. Alles, was man dort in den Baracken sehe, verstärke diese Aura nochmal. Die Haare, welche dort tonnenweise liegen, blieben vor allem im Gedächtnis. Auch die Schuhe oder die Koffer. Alles, was von den ermordeten Menschen übriggeblieben ist und dort ausgestellt wurde, hatte eine bedrückende Wirkung. Auch die Zellen, wobei es Stehzellen gab, in welchen man sich gar nicht bewegen konnte, Hungerzellen, in welchen man nichts mehr zu essen bekam oder Dunkelzellen, welche kein Tageslicht hatten, ließen nur erahnen, wie schlimm es für die Menschen damals gewesen sein musste. Auch der Gang auf den Innenhof mit der schwarzen Wand, an der die Erschießungen stattfanden, war beklemmend. Man konnte und mochte sich gar nicht vorstellen, wie das Leben, wenn man es überhaupt Leben nennen darf oder kann, damals für die Gefangenen war. Das für viele einprägendste war der Gang durch die Gaskammer. Benjamin sagte dazu: „Es ist unvorstellbar, hier durchzulaufen und sich vorzustellen, dass genau an diesem Ort so viele Menschen ermordet wurden. Die Gedanken, die den Menschen durch den Kopf gegangen sein müssen, kann und will ich mir nicht vorstellen“. Das, was viele Schüler am meisten berührt hatte, war der Raum mit den Kindergemälden. In diesem Raum waren neben den gezeigten Skizzen der Kinder auch noch Kinderstimmen zu hören, welche einen mehr mitgenommen hatten, als es einem lieb war. Nach dem Besuch des Stammlagers saßen wir noch lange zusammen, waren zunächst sprachlos und brauchten einige Zeit, um Worte zu finden, das Gesehene zu reflektieren.
Am nächsten Morgen folgte der Besuch von Birkenau. Während das Stammlager, eine ehemalige polnische Kaserne, von den Nazis im Frühjahr 1940 als Konzentrations- und Arbeitslager für politische Häftlinge und Kriegsgefangene genutzt wurde, begann man ab September 1941 im drei Kilometer vom Stammlager entfernten Dörfchen Birkenau das Erweiterungslager Auschwitz II/Birkenau für sowjetische Kriegsgefangene und die sich anbahnende so genannte „Endlösung der Judenfrage“ zu bauen. Dort wurden nach der Wannseekonferenz im Januar 1942 bis zur Befreiung durch die Sowjetunion am 27. Januar 1945 über eine Million Menschen ermordet, darunter über 900000 Juden.
Vom Parkplatz aus sah man schon den Bahnhof mit dem markanten Eingangstor für die damals ankommenden Züge, der für die Verfolgten die Endstation bedeutete. Es ist die unglaubliche Dimension, die in Birkenau ins Auge springt, ein fast zwei Quadratkilometer großes riesiges Feld mit wenigen wiederhergestellten Holzbaracken und einem Meer an Schornsteinen und Fundamenten ehemaliger Holz- und Backsteinhütten. In den Holzbaracken waren bis zu 1000 Menschen zusammengepfercht, welches unvorstellbar ist, da es dort nicht einmal Toiletten gab. Auch die Geschichten, die vom Guide erzählt wurden, sind für die Schüler unvorstellbar: Dass auf den Holzbetten bis zu 6 Personen pro Etage geschlafen hatten, dass man nur 3 Toilettenhäuser hatte für eine ganze Reihe von 20 Holzhütten. Auch die Bilder, wovon es nur wenige gab, waren einprägend. Das Bild der Selektion, wobei Menschen einfach innerhalb von wenigen Sekunden zum sicheren Tod oder zur unmenschlichen Arbeit geschickt wurden, ist nicht vorstellbar. Auf den Schienen stand auch ein Viehwaggon, womit Menschen in das Vernichtungslager gebracht wurden. Dass dort 60 Menschen mehrere Tage drinnen aushalten mussten, ohne Toilette und ohne Halt, bei egal welchen Temperaturen, zeigt die Grausamkeit des Nationalsozialismus. Auf der anderen Seite des Vernichtungslagers gab es ein Denkmal, wobei jeder einzelne Stein eine Person darstellen sollte, die im Vernichtungslager ihr Leben verloren hat. Dabei kann man sich, selbst wenn man dieses Denkmal gesehen hat, die Zahl nicht vorstellen. Über eine Million Menschen ist eine Größenordnung, die unsere Vorstellung übersteigt. Was bei dem Vernichtungslager auffällt, ist, dass die Nazis mit allen Mitteln versucht haben, die Beweise für ihre Taten zu verwischen. Die Gebäude, welche die gesamten Wertsachen der Menschen beherbergten, stehen nicht mehr. Auch die Gaskammern gibt es nicht mehr. Das, was überbleibt, sind die Fundamente und der Keller der Gaskammern 2 und 3. Des Weiteren waren noch viele Bilder zu sehen, die alle sehr berührend und schockierend waren, z.B. von SS-Soldaten aufgenommene Bilder aus dem so genannten Lily Jacob-Album, die zeigen, wie Menschen selektiert wurden und als „noch arbeitsfähig“ oder als „gleich zu vernichten“ eingestuft wurden, oder die illegalen Bilder, die von Häftlingen aufgenommen wurden, wie ein riesiger Berg an Leichen, der angezündet wurde. Dieses Bild ist vielen in Erinnerung geblieben, da man dort direkt die schlimmen Taten erblicken konnte. Auch den Künstler Gerhard Richter haben dieses und weitere Bilder zu seinem aus vier großflächigen Abstraktionen bestehenden Birkenau-Zyklus inspiriert, mit dem wir uns abschließend auseinandersetzten. Egal durch wie viele Schichten die Zeit die Erinnerungen an das Geschehen überzeichnet, das Erschrecken darüber, wozu Menschen aus ideologischer Verblendung, Grausamkeit oder Machtwahn fähig sind, bleibt.
Jacob V. zieht als Fazit zur Fahrt: „Die Fahrt hat, denke ich, allen den Horizont erweitert. Dabei bleiben uns die schrecklichen Taten der Nationalsozialisten tief im Gedächtnis. Niemanden von uns hat diese Fahrt ungerührt gelassen.“ Zu Beginn des Rundgangs im Stammlager begegnete uns der Satz des Philosophen George Santayana: „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist dazu verdammt sie zu wiederholen.“ Janis empfiehlt daher, solche Gedenkstättenbesuche für jeden Deutschen einmal im Leben verpflichtend zu machen, da „ein gewaltiger Unterschied besteht zwischen dem bloßen Lesen über solche Gräueltaten und dem Gefühl, die Ruinen des Krematoriums mit eigenen Augen zu sehen.“ Anne-Sophie resümiert abschließend: „Nach diesen Eindrücken ist klar, so etwas darf nie wieder passieren. Dafür müssen wir immer achtsam sein und Menschenverachtung bereits in den Anfängen stoppen“.
