Das Gymnasium an der Stadtmauer zählt neben vielen anderen Schulen des Landes zu den zertifizierten Europaschulen von Rheinland-Pfalz. […]

Deshalb förderten das Bildungsministerium in Mainz, die Bürkle-Stiftung und der Förderverein des Gymnasiums eine dreitägige Europafahrt nach Brüssel, die sechs Wochen vor der Europawahl im Rahmen der Projekttage der Jahrgangsstufe 12 stattfinden konnte. Am 15. April morgens um 8 Uhr machten wir uns als 15 angehende Abiturienten gemeinsam mit unseren Sozialkundelehrern André Gruber und Andreas Scherbel auf den Weg, um die EU-Institutionen einmal vor Ort zu sehen und uns ein Bild von der inzwischen nicht mehr ganz so heimlichen Hauptstadt der EU zu machen. Es sollte ein langer Tag werden. Nach sechs Stunden Zugfahrt kamen wir in Bruxelles Midi an, brachten unser Gepäck ins nahe gelegene Hotel und brachen zu unserer ersten Brüsseler Station auf, der rheinland-pfälzischen Landesvertretung der Europäischen Union. Dort wurden wir bei Belgischen Waffeln, Kaffee und Saft über die Repräsentation unseres Landes in der EU informiert. Jedes Bundesland hat seine eigene Vertretung bei der Europäischen Union. Der Besuch verdeutlichte uns, wie wichtig die europäische Ebene für die Bundesländer ist und dass selbst in unserer Region viele Projekte durch Mittel des europäischen Sozialfonds oder des Landwirtschafts- und Regionalfonds gefördert werden. Beispiele dafür sind der Hochwasserschutz an der Nahe in Langenlonsheim oder die Sanierung der Salinenanlagen in Bad Kreuznach.

Im Anschluss statteten wir der Europäische Kommission einen Besuch ab, der ohne die gute Vernetzung von Herrn Scherbel nicht zustande gekommen wäre. Dr. Florian Geyer, Referent für Migrations- und Integrationsfragen bei der Europäischen Kommission, erklärte uns sehr lebendig und anhand vieler Beispiele die Aufgaben der Kommission und das Zusammenspiel der EU-Institutionen. Nach einer abschließenden Frage- und Diskussionsrunde konnten wir gegen 20.30 Uhr Richtung Innenstadt aufbrechen. Am Grand Place, wo wir das phantastische architektonische Ensemble aus Spätgotik, Renaissance und Barock bewunderten, bekamen wir noch einige kulinarische Tipps von unseren Lehrern und machten uns schließlich in Kleingruppen auf den Weg, um das nächtliche Brüssel mit seinen Restaurants und Bierstuben zu erkunden. Nach einem kleinen Abstecher zum ‚Manneken Pis‘ ging es gegen 23 Uhr per Straßenbahn zurück Richtung Hotel, wo wir auf der Dachterrasse oder am Tischkicker im Keller den Abend ausklingen ließen.

Nach einer doch recht kurzen Nacht sah man sich bei einem leckeren Frühstück wieder, so dass wir gegen 9 Uhr gestärkt zu unserem nächsten Programmpunkt, dem Parlamentarium, aufbrechen konnten. Dieses ist ein modernes, interaktives Museum, in dem man fast alles über die Geschichte der EU und die Arbeit der Institutionen erfahren kann. Uns wurde deutlich, wie eng Europa inzwischen vernetzt ist, und dass dies aus historischer Perspektive betrachtet nicht selbstverständlich ist.

Anschließend hörten wir einige Referate, die Teilnehmer unserer Gruppe zur Geschichte, den Institutionen und aktuellen Herausforderungen der EU angefertigt hatten. Die nachfolgende Mittagspause wurde zur Testphase für verschiedene Saucen auf den berühmten „frites belgiques“, von Mayonnaise über Barbecue bis hin zur ominösen Pili Pili-Sauce.

Am Spätnachmittag besuchten wir das Haus der europäischen Geschichte, wo uns ein pensionierter EU-Beamter durch die mit vielen Objekten, Bildern und Filmen anschaulich gestaltete Dauerausstellung führte und uns einen lebendigen Überblick über die Grundlagen der europäischen Geschichte vermittelte. Der Ansatz Geschichte nicht mehr aus der nationalen, sondern aus europäischer und globaler Perspektive zu betrachten, überzeugte uns. Beeindruckend war auch, den Acquis de l´Union européenne, den Rechtsbestand der EU, in seinem 85.000 seitigen Umfang zu bestaunen.

Nach einem ereignisreichen Tag ließen wir den Abend mit einer kleinen Geburtstagsfeier für Maren ausklingen.

Am Mittwochmorgen bildete der Besuch des europäischen Parlaments den Abschluss, bevor wir am frühen Nachmittag die Heimreise antraten. Im Parlament durften wir nach einem informativen Vortrag bei einem Europa-Quiz unser neu erlangtes Wissen unter Beweis stellen. Mit Blick auf den Konferenzsaal und die vielen Dolmetscherkabinen wurde uns einmal mehr der Stellenwert des in Vielfalt geeinten Europas vor Augen gehalten. Um diese zu wahren, ist es wichtig, dass jeder von uns seinen Beitrag dazu leistet, indem er am 26. Mai wählen geht. Es reicht nicht, nur auf eine bessere Zukunft zu hoffen, man muss Verantwortung übernehmen und die besteht in einer Demokratie aus dem Wählen. Gerade durch den geplanten EU-Austritt Großbritanniens wird klar, wie sehr wir alle die Europäische Union und deren Wirken brauchen. Wir stehen vor vielen Herausforderungen und für diese benötigen wir europäische Lösungen. Unsere Generation hat das Privileg, in Frieden aufwachsen zu können, doch Frieden ist kein Naturgesetz. Wir alle müssen uns dafür einsetzen, dass die bisher längste Friedensperiode weiter andauert und auch die nächsten Generationen Frieden und Zusammenhalt auf dem europäischen Kontinent erfahren dürfen. Unserem nachfolgenden Jahrgang wünschen wir, dass sie auch in den Genuss einer solchen Fahrt kommen dürfen.

 

Annika Fischer, Luisa Kind und Charlotte Fröhlich (redaktionell unterstützt durch André Gruber und Andreas Scherbel)